Zwergfledermaus - Ein Winzling unter den Kleinsten


Nach drei Wochen flügge
Eine frisch geborene Zwergfledermaus ist nur gerade bienengross und erwachsen ist sie kaum schwerer als ein Stück Würfelzucker. Sie könnte sich problemlos in einer Streichholzschachtel verkriechen. Mit einer Spannweite von rund 20 Zentimetern ist sie fast die kleinste einheimische Fledermausart. Nur ihre nächste Verwandte, die Mückenfledermaus, ist im Durchschnitt etwas kleiner.

Zwergfledermäuse kann man nach ihrem mehrmonatigen Winterschlaf im April wieder in unseren Siedlungen beobachten. Die Weibchen versammeln sich nun in Gruppen von 50 und mehr Tieren. Manchmal wechseln sie vor der Geburt der Jungen ihren Unterschlupf, sind dann aber meist während der Jungenaufzucht für wenige Wochen sesshaft.

Im Juni kommen die Jungen zur Welt. Oft sind es Zwillinge. Bei der Geburt sind sie blind und nackt. Während dreier Wochen werden sie von ihrer Mutter gesäugt, dann sind sie selbstständig, fliegen abends zur Insektenjagd aus und vagabundieren von Quartier zu Quartier.

Heimliche Spaltenbewohnerinnen
Wochenstubenkolonien von Zwergfledermäusen befinden sich meist in Dörfern, in Einfamilienhaussiedlungen und am Stadtrand. Zwergfledermäuse sind hoch spezialisierte Fassadenspaltenbewohnerinnen. Sie zwängen sich gerne in engste Ritzen und Spalten. Die Mütter mit ihren Jungen sitzen oft so dicht beieinander, dass in einem Hohlraum von der Grösse eines Telefonbuches 50 Tiere bequem Platz finden. Erwachsene Männchen verstecken sich tagsüber meist einzeln und fallen kaum auf.
Beliebte Spaltverstecke sind die Hohlräume hinter Wandverschalungen, zwischen Dachbalken und Hauswand und im Dach zwischen Ziegeln und Dachunterzug. Bereits eine fingerbreite Spalte genügt den Fledermäusen um problemlos hinein- und herausklettern zu können.
Bei Sonnenuntergang oder kurz danach gleitet ein Tier nach dem anderen aus dem Versteck und fliegt lautlos davon. Dies ist eine grossartige Gelegenheit, um die heimlichen Untermieterinnen zu zählen.

Ausdauernde Insektenjägerinnen
Zwergfledermäuse jagen in der Dämmerung rund um ihr Tagesschlafquartier. Mit grossem Appetit verschlingt jeder dieser Winzlinge pro Nacht bis zur Hälfte des eigenen Körpergewichts: das sind gut und gerne mehr als 2'000 Kleininsekten! Viele Hausbesitzende möchten diese unersättlichen Insektenvertilgerinnen darum nicht mehr missen.

Während der Nacht können Zwergfledermäuse über fünf Kilometer weit an benachbarte Waldränder und Gewässerufer fliegen, um auch dort Unmengen von Insekten zu vertilgen.
Zwergfledermäuse jagen oft im Schein von Strassenlampen, nahe an Gebüschen und unter überhängenden Zweigen von grossen Bäumen. Im schnellen Zick-Zack-Flug verfolgen sie jedes Insekt, das ihre Flugbahn kreuzt. Sie fressen alles, was sie überwältigen können: hauptsächlich kleine Falter und verschiedene Fliegen- und Mückenarten.
Meist bleiben Zwergfledermäuse nachtsüber dem Quartier fern. Nur die Mütter kehren zwischendurch zum Säugen ihrer Jungen zurück. Im Morgengrauen schwärmen alle Heimkehrerinnen vor dem Haus. Jede fliegt die Einflugöffnung mehrmals an, bevor sie darin verschwindet. So umkreist oft ein Dutzend und mehr Tiere gleichzeitig das Tagesschlafversteck. Das faszinierende Schauspiel kann bis zu einer halben Stunde andauern. Wer im Mai und Juni frühmorgens einen Spaziergang in seinem Dorf unternimmt, wird
nicht selten mehr als ein Quartier entdecken!

Hilfe für junge Zwergfledermäuse
Junge Zwergfledermäuse sind neugierig. Bei ihren Erkundungstouren fallen sie manchmal ungewollt aus dem Quartier. Da sie noch nicht fliegen können, liegen sie dann piepsend am Boden, im Blumenbeet oder auf der Terrasse.

Wer das Quartier kennt, hält das Junge möglichst nahe an die Einschlupföffnung. Blitzschnell klettert es dann in seine vertraute Wochenstube hinein.

Ist der Quartiereingang nicht bekannt oder an einem unzugänglichen Ort, setzt man das Jungtier so am Fundort aus:
1. Vorbereiten: grössere, glattwandige Schüssel, grosses Trinkglas (höher als Schüssel!) und Socke bereit legen
2. Socke über Trinkglas stülpen und glatt streichen, Rest der Socke in Trinkglas stopfen
3. Trinkglas mit Öffnung nach unten in Schüsselmitte stellen
4. Schüssel erhöht und katzensicher aufstellen, Jungtier bei Sonnenuntergang zuoberst auf diesen «Kuschelkletterturm» setzen und die ganze Nacht über dort lassen.

Sofort nach dem Aussetzen beginnt das Junge seine Mutter zu rufen. Sobald diese in der Dämmerung zur Insektenjagd ausfliegt, hört sie ihren Sprössling und landet auf dem Glas mit der Socke.

Das Junge klammert sich im Bauchfell fest und ab geht es mit dem kleinen Ausreisser, zurück ins sichere Wochenstubenquartier. Manchmal wird das Junge auch erst bei der Rückkehr in den frühen Morgenstunden von der Mutter heimgeholt. Und sollte die «Heimführaktion» nicht wie geplant ablaufen, hilft das Fledermausschutz-Nottelefon gerne weiter: 079 330 60 60.

Gute Kerlchen - schlechter Ruf
Zwergfledermäuse vermehren sich nicht ins Unermessliche. Nur ein Teil der Weibchen bringt im Sommer ein Junges oder seltener Zwillinge zur Welt. Im nächsten Jahr kehren bloss die Mütter und ihre Töchter in das Wochenstubenquartier zurück.
Zwergfledermäuse nagen nicht an der Fassade oder am Isolationsmaterial. Sie haben keine Nagezähne, sondern ein Gebiss, das an das Fangen und Zerkauen von Insekten angepasst ist.
Zwergfledermäuse fallen meist nur auf, weil direkt unter ihrem Tagesschlafversteck winzig kleine «Chegeli» liegen. Täglich knapp ein Esslöffel voll, eigentlich kaum der Rede wert, schnell zusammengewischt und in der Giesskanne aufgeschlämmt sind diese «Chegeli» ein grossartiger Pflanzendünger!