Querungshilfen für Fledermäuse


Wer als Fussgänger eine Autobahn queren will, wird sich erst richtig bewusst, dass Strassen nicht nur verbinden, sondern in viel grösserem Ausmass auch trennend wirken können. Davon sind zahlreiche Tierarten betroffen, darunter auch Fledermäuse, obwohl deren unvergleichliches Flugvermögen kaum solches vermuten liesse.

Mehr als die Hälfte der Fledermausarten betroffen
Für rund die Hälfte unserer 30 einheimischen Fledermausarten bergen nachts befahrene Strassen nämlich ein hohes oder sehr hohes Kollisionsrisiko, wenn sie versuchen die Trasse im Tiefflug zu überqueren. Und bei weiteren 7 Arten ist ein mittleres Kollisionsrisiko vorhanden. Fledermäuse können aber nicht nur im "Strassenverkehr" sterben, sondern v.a. breite Strassen können den Lebensraum von Fledermäusen zerstückeln oder unnutzbar machen: So können u. U. Quartierlebensräume unerreichbar werden oder umgekehrt können Jagdlebensräume nicht mehr erreicht werden. Ganze Populationen können zerstückelt und somit der für das langfristige Überleben wichtige Genaustausch kann stark eingeschränkt werden.
Betroffen sind in erster Linie Fledermausarten, die auf ihren Flugkorridoren vom Quartier- in den Jagdlebensraum eng an Strukturen gebunden sind und langsam fliegen, wie z. B. Langohren, die Bechsteinfledermaus, die Wasserfledermaus oder Hufeisennasen. Offenland wird meist streng gemieden, weil die Ultraschallrufe solcher Arten leise sind und nur nur eine geringe Reichweite haben, und Feinde wie Eulen durch den Flug den Strukturen entlang gemieden werden können.

 

 

 

 

Die nächtliche Querung stark befahrener Strassen birgt für viele Fledermausarten Risiken.

Im Ausland seit vielen Jahren ein Thema
In Deutschland oder Grossbritannien werden bereits seit mehr als einem Dutzend Jahren beim Strassenbau die potentiellen Einflüsse auf Fledermäuse untersucht und bei Bedarf spezifische Massnahmen umgesetzt, um das Kollisionsrisiko zu vermeiden oder zu minimieren und die Lebensraumzerschneidung zu unterbinden. Bei potentiell negativen Einflüssen wurden verschiedenste Typen von Über- und Unterführungen realisiert, es existieren aber auch vollkommen neue Ideen von Querungshilfen für Fledermäuse.

Um herauszufinden, welche Querungshilfen am erfolgreichsten und somit zu empfehlen sind, hat der Freistaat Sachsen eine Arbeitsgruppe aus namhaften FledermausbiologInnen eingesetzt. Diese Arbeitsgruppe hat das gesamte Wissen über Querungshilfen gesammelt und analysiert und präsentiert erstmalig eine umfassende Synthese. Da nicht von allen Querungshilfstypen eine umfassende Wirkungskontrolle vorlag, wurden fehlende Kenntnisse durch Expertenwissen ergänzt. Ein Hauptresultat ist eine Tabelle mit artspezifischen Querungshilfseignungen. Demnach sind die folgenden Querungshilfen generell am geeignetsten:

  • bei Strasse in Dammlage: Unterführung mit Wirtschaftsweg mit Bach parallel, Breite 9m, Höhe 4.5m
  • Grünbrücke 30m Breite, Leitstrukturen zur Brücke und auf der Brücke
  • bei Strasse in Dammlage: Unterführung Wirtschaftsweg ohne Bachdurchführung, Breite 4m, Höhe 4.5m
  • Überführung eines Wirtschaftsweges, 15m breit, beidseitig mit Leitstrukturen (4m Pflanzstreifen, Gehölze 3-4m hoch), nachts für den Verkehr gesperrt
  • Beidseits der Strassentrasse von 15m Breite wird der alten Gehölzbetand (ca. 15m hohe Bäume) bis unmittelbar am Fahrbahnrand erhalten und durch Nachpflanzungen gestützt. Einzelne (hohe) Äste reichen über die Fahrbahn (es bleibt nur ein Abstand von 5m zwischen den Kronenrändern der Bäume über der Strasse).
  • Autobahn in leichter Dammlage: Bachunterführung 6m breit, 2.5m hoch

Andere Querungshilfstypen sind weniger geeignet. Sehr breite Grünbrücken, Einhausungen, Tunnels und grosse Talbrücken, die per se eine Querung für Fledermäuse nicht einschränken, wurden bei der Beurteilung nicht berücksichtigt.

 

 

 

 

Für die Kleine Hufeisennase bergen Strassenquerungen ein hohes Kollisionsrisiko.

Weitere Untersuchungen
Bei allen in Frage kommenden Massnahmen ist bei jedem Strassenbauprojekt vorgängig sicher zu stellen, dass der Bedarf vorhanden sein muss, dass die Massnahme auf die betroffene(n) Art(en) bzw. betroffene(n) Population(en) ausgerichtet ist, dass die Fledermäuse die Querungshilfe auch finden (z.B. durch Heckenpflanzungen als Leitstrukturen) und dass die Querungshilfen von Licht abgeschirmt sind. Eine Wirkungskontrolle von ausgeführten Massnahmen ist nachfolgend zwingend erforderlich.

Situation in der Schweiz
Hierzulande sind Querungshilfen für Fledermäuse noch kaum ein Thema. Jedoch sollte in Zukunft bei Strassenbauprojekten auch dem Thema Fledermauskollisionen und Zerschneidung des Lebensraumes vermehrt Beachtung geschenkt werden, da entsprechende Einflüsse zahlreich belegt sind. Die hier beschriebene Arbeit könnte dabei als Referenz für Strassenplaner, Naturschutzämter und Fledermausbiologen dienen.

Die Arbeitshilfe des Freistaates Sachsen kann kostenlos bezogen werden bei:
Zentraler Broschürenversand der Sächsischen Staatsregierung, Hammerweg 30, DE-01127 Dresden oder im Internet heruntergeladen werden: https://publikationen.sachsen.de/bdb/.

Impressum: Brinkmann R., M. Biederman, F. Bontadina, M. Dietz, G. Hintemann, I. Karst, C. Schmidt & W. Schorcht (2012): Planung und Gestaltung von Querungshilfen für Fledermäuse. Eine Arbeitshilfe für Straßenbauvorhaben im Freistaat Sachsen. Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Dresden. 114S.