Neuer Nachweis der Grossen Hufeisennase im Kanton Solothurn

Bei akustischen Aufnahmen für ein Artenförderprojekt konnte auf dem Oberberg bei Balsthal eine Grosse Hufeisennase aufgezeichnet werden. Es ist der erste Nachweis seit 113 Jahren aus der Region. Grosse Hufeisennasen sind in der Schweiz nicht nur äusserst selten und vom Aussterben bedroht, sondern aufgrund ihrer leisen Rufe bioakustisch zusätzlichnoch äusserst sehr schwierig nachzuweisen. Der Fund ist deshalb gleich in doppelter Hinsicht eine kleine Sensation. Weitere Abklärungen werden zeigen, ob es sich lediglich um ein Einzeltier handelt oder ob gar noch irgendwo eine Kolonie ihrer Entdeckung harrt.

 



 

 

Eine der seltenen Bildaufnahmen einer Grossen Hufeisennase
im Kanton Solothurn aus der Nähe von Dornach

In der Schweiz wurden bisher 30 verschiedene Fledermausarten nachgewiesen. Dass so viele scheinbar ähnliche Arten gemeinsam in einem kleinen Land wie der Schweiz vorkommen können ist nur deshalb möglich, weil sich ihre Ansprüche an ihren jeweiligen Lebensraum grundlegend unterscheiden. So bewohnen beispielsweise manche Arten im Sommer Dachstöcke, andere Fassadenspalten und wieder andere Baumhöhlen. Manche jagen Laufkäfer, andere kleinste Mücken und wieder andere lesen ruhende Schmetterlinge von Pflanzen ab. Manche jagen über Wasser, andere im Wald und wieder andere im Offenland.
Die Arten unterscheiden sich aber nicht nur in ihrer Lebensweise, sondern auch in ihrer Häufigkeit. Vieles in der Biologie funktioniert nach Mustern – so zum Beispiel, dass wenige Arten häufig sind und viele selten – dies ist auch bei den Fledermäusen nicht anders. Für ihre Seltenheit gibt es zwei unterschiedliche Gründe: es gibt Arten, welche früher häufig waren und durch menschliche Aktivitäten wie das Ausbringen hochgiftiger Holzschutzmittel und Insektizide an den Rand des Aussterbens gebracht wurden und es gibt Arten, die wahrscheinlich nie häufig waren. Zu letzteren gehört in der Schweiz die Grosse Hufeisennase. Sie ist mit bis zu 30 g Gewicht und einer Flügelspannweite von rund 40 cm eine der grössten einheimischen Fledermausarten, zieht ihre Jungen in ungestörten Dachstöcken auf und ernährt sich von grösseren Insekten wie Käfern und Nachtfaltern. Sie ist insofern etwas besonderes, als dass sie erwiesenermassen über 30 Jahre alt werden kann und sich extrem langsam fortpflanzt – die Weibchen kriegen nur ein Junges, und das nicht einmal jedes Jahr. In der Schweiz sind gegenwärtig nur drei Fortpflanzungskolonien dieser Art bekannt – je eine in Graubünden, im Wallis und im Aargau – und entsprechend spärlich wird die Art in unserem Land beobachtet. Die Grosse Hufeisennase gilt als eine der seltensten Fledermausartan Mitteleuropas.

Erster Nachweis im Thal seit 113 Jahren
Im Kanton Solothurn ist zwar kein Fortpflanzungsquartier bekannt, dafür existieren aus den letzten 30 Jahren Nachweise von mindestens drei Individuen, allesamt in eher peripheren Regionen des Kantons. Im Zentrum des Kantons im Bezirk Thal gelang der letzte Nachweis im Jahr 1904.
Dies hat sich nun geändert. Im Rahmen eines Artenförderprojektes für Fledermäuse wurden an verschiedenen Orten im Kanton akustische Fledermausaufnahmen gemacht, unter anderem auch auf dem Oberberg zwischen Balsthal und Mümliswil. Bei dieser Form der Erhebung werden spezielle Geräte mit hochempfindlichen Mikrofonen eingesetzt, welche automatisch die Echoortungsrufe aller vorbeifliegenden Fledermäuse aufzeichnen. Die so aufgenommenen Rufe können dann am Computer analysiert und einer Art oder Artgruppe zugeordnet werden. Während vier Nächten im Juli zeichnete ein solches Gerät auf dem Oberberg auf und registrierte in einer Nacht eine vorbeifliegende Grosse Hufeisennase. Abgesehen davon, dass die Art sehr selten ist, ruft sie auch vergleichsweise leise und zudem sehr gerichtet – man kann sich die von ihr ausgesendeten Schallwellen fast wie den Strahl einer Taschenlampe vorstellen. Ein Nachweis der Art wird dadurch noch zusätzlich erschwert.

Dem Mehrjahresprogramm Natur und Landschaft sei Dank!
So erfreulich es ist, dass diese Fledermausart zum ersten Mal seit 113 Jahren wieder im Thal nachgewiesen wurde, so wenig erstaunt es, dass dieser Nachweis auf dem Oberberg gelang. Dank dem Mehrjahresprogramm Natur und Landschaft und der guten Zusammenarbeit mit den Bewirtschaftern sind auf dem Balsthaler Oberberg ausgedehnte ungedüngte Heumatten und Sömmerungsweiden mit hoher Vielfalt an Pflanzenarten vorhanden. Eine hohe Artenvielfalt an Pflanzen bietet einen idealen Lebensraum für unzählige Insektenarten. Zu diesen gehören auch verschiedenste Heuschrecken und Käfer – die Lieblingsbeute der Grossen Hufeisennase.

Diese Entdeckung wird sicher noch weitere Untersuchungen nach sich ziehen, beispielsweise, ob auf dem Oberberg wirklich nur ein Einzeltier unterwegs ist, oder ob es in der Region gar eine bisher unentdeckte Kolonie gibt.




Rufe der Grossen Hufeisennase, am Computer sichtbar gemacht.