Tragödie im Engadin

Eigentlich holzt man nicht im Sommer. Doch die Gemeindeverwaltung von Bever (GR) schätzte die alte Lärche beim Grillplatz als Risikobaum ein und liess die Motorsägen aufheulen. Kaum gefällt wurde die Kantonspolizei in Chur alarmiert. Für die Ferien-Familie Klein aus dem Unterland war der Grillplatzbesuch zum Horrortrip geworden. Blut überall, fiepende, schreiende, herumkrabbelnde und tote Fledermäuse rundum. Die zuständige Forstwartin hatte beim Fällen der morschen Lärche eine Wochenstubenkolonie der seltenen Nordfledermaus übersehen. Das kann passieren – aber die Reaktion darauf ist unverständlich: die hilflosen Jungtiere und die halbtoten Mütter überliess sie einfach ihrem Schicksal.

Ihr Chef, Revierförster Jon Andri Bisaz, meinte auf Anfrage achselzuckend, man habe nicht gewusst, was zu tun sei und an wen man sich wenden solle…!

Es ist der Ferien-Familie Klein aus Kriens LU zu verdanken, dass Hilfe organisiert werden konnte. Die alarmierte Kantonspolizei bot sofort die Kantonale Fledermausschutz-Beauftragte Miriam Lutz auf. Diese war just in dem Moment unweit vom Unfallort in Davos mit einer Koloniekontrolle in einem Estrich mit Langohrfledermäusen beschäftigt. Sie organisierte per Handy Hilfe vor Ort und liess sich die noch überlebenden Nordfledermäuse überbringen. Bereits am nächsten Morgen wurden sie von der Biologin und frisch diplomierten „Lokalen Fledermausschützerin“ Angelika Abderhalden aus Zernez an die Pflegestation der Stiftung Fledermausschutz nach Zürich gebracht. Von den acht Jungtieren mussten zwei mit Armbrüchen eingeschläfert werden und leider ebenso ein säugendes Weibchen, das einen hoffnungslos zerquetschten Flügel hatte. Sechs Jungtiere sind nun bei den Mitarbeitenden der Fledermausschutz-Notpflegestation untergebracht. Sie werden mit Aufzuchtmilch geschöppelt und können hoffentlich in einigen Wochen gesund und munter in die Freiheit entlassen werden.
Die Stiftung Fledermausschutz betreibt diese Pflegestation mit der Unterstützung durch den Zürcher Tierschutz.

Die Forstdirektion Graubünden wird ermuntert, zusammen mit der Stiftung Fledermausschutz und der Kantonalen Fledermausschutz-Beauftragte Miriam Lutz noch in diesem Spätsommer eine Informationskampagne bei den Forstbetrieben zu starten, damit solche Tragödien nicht mehr vorkommen. Der Slogan „Richtig reagieren – Leben retten“ sollte in Forstkreisen auch für Fledermäuse gelten.


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