Die Kleine Hufeisennase - im Aufwind

Bedroht und gerettet?

Vor 50 Jahren war die Kleine Hufeisennase in der Schweiz weit verbreitet. Dann nahmen die Bestände drastisch ab. Nur einige isolierte Kolonien in wenigen Alpentälern blieben übrig. Auch rundum in ganz Europa verschwand Kolonie um Kolonie.

Die Fachleute sind sich einig: Lebensraumverlust und Nahrungsmangel können als mögliche Ursachen für das Beinahe-Aussterben ausgeschlossen werden. Hauptverdächtiger ist der damals weit verbreitete DDT-Einsatz. Er ist schuld am Populationsrückgang der Kleinen Hufeisennase in Mitteleuropa.

Seit den frühen 1970er-Jahren wird DDT bei uns nicht mehr angewendet. Ein Hoffnungsschimmer – die übrig gebliebenen Populationen sind bereits langsam am Wachsen und neue Quartiere werden wieder besiedelt. Im Jahr 2005 wurden in der Schweiz 46 Wochenstubenkolonien gezählt. Schätzungsweise 4'200 erwachsene Kleine Hufeisennasen leben heute bei uns, und jährlich werden es mehr...

Zierliche Hausbewohnerin
Die Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros) ist eine zierliche Fledermausart. Sie wiegt nur 4 bis 8 g, ihr Körper ist nur etwa daumengross. Die Flügelspannweite misst rund 23 cm. Ihren Namen verdanken Hufeisennasen dem hufeisenförmigen Hautlappen, der die Nasenlöcher umgibt. Hufeisennasen stossen ihre Ultraschallrufe über die Nase durch dieses «Megaphon» aus. Die frequenzkonstanten Rufe liegen auf einer Tonhöhe von 107-114 kHz.

Ruhende Hufeisennasen hüllen den Körper in ihre Flughäute ein. So sehen sie aus wie hängende «Dörrbirnchen», ein Erscheinungsbild, das älteren Leuten noch in Erinnerung ist. Weibchen ziehen ihre Jungen in warmen und zugluftfreien Dachböden auf. Sie hängen an der Decke, an Balken oder an Mauervorsprüngen. Wache Tiere orten ständig und drehen dabei unablässig ihren ganzen Körper hin und her.


Die Männchen leben im Sommer in der Regel allein. Vereinzelt findet man sie aber auch in den Wochenstuben. Wenig wählerisch für ihr Tagesschlafversteck sind Tiere ohne Nachwuchs. Auf der nächtlichen Jagd hängen sich Kleine Hufeisennasen für kurze Ruhepausen in Felsspalten, einsame Ställe, an geschützte Stellen unter Brücken, in Betonschächte und in Strassenunterführungen von Bächen.

Jagd in nahen Wäldern
Die Kleine Hufeisennase jagt im Wald. Sie nutzt verschiedene Waldtypen in Höhenlagen unter 1'500 m über Meer. Gerne ist sie in der Nähe von Fliessgewässern. Hier ist das Nahrungs­angebot besonders üppig. Die flinken Winzlinge jagen in der Nähe ihres Tagesschlafverstecks. Im Umkreis von nur 2.5 km brauchen sie darum an Beuteinsekten reiche Waldgebiete.

In den Jagdlebensraum fliegen sie in der Deckung von Bäumen und auf Flugrouten entlang von Hecken und anderen Leitstrukturen. Experimente zeigten, dass neue Hecken zur Verbindung von Lebensräumen schnell von Kleinen Hufeisennasen angenommen werden.
Ihre Beute erhaschen die Kleinen Hufeisennasen im Flug. In den Baumkronen fliegen sie enge Schleifen zwischen den Zweigen. Für Leckerbissen in Bodennähe drehen sie ihre Bahnen in weniger als zwei Meter Höhe um die Baumstämme herum und durch die Büsche. Minutenlang können sie so auf kleinster Fläche jagen.

Reich gedeckter Tisch
Die Kleine Hufeisennase frisst, was sie gerade erwischt, Hauptsache, die Beute ist leicht, weich und fliegt langsam.

Zu ihren Beutetieren gehören Nachtfalter, Blattlauslöwen und Zweiflügler, vor allem Schnaken. Diese Beuteinsekten leben an Bäumen und Sträuchern, und manche lieben feuchte Lebens­räume oder Ufergehölze von Fliessgewässern. Auch in den potentiellen Jagdgebieten der ausgestorbenen Kolonien wäre heute genügend Nahrung für die Kleine Hufeisennase vorhanden. In den Laubwäldern des Mittellandes, aus denen die zierliche Fledermausart verschwunden ist, gibt es sogar mehr Beuteinsekten als in den Voralpen, wo Kolonien überlebt haben.

Die Wiederbesiedlung
Dank dem Verbot von DDT ist die hauptsächliche Bedrohungsursache aus dem Wege geräumt. Landschaftsanalysen haben gezeigt, dass die Kleine Hufeisennase in der ganzen Schweiz geeignete Lebensräume finden könnte. Eine Wiederbesiedlung des Mittellandes muss von den Vorkommen am Alpenrand her erfolgen. Darum brauchen die übrig gebliebenen Populationen in den Alpentälern unsere Sympathie und Unterstützung.

Die Jagdgebiete der Kleinen Hufeisennase sind in der Schweiz gesichert, da alle Waldflächen geschützt sind. Für die Wiederbesiedlung einstiger Vorkommensgebiete braucht es jedoch Tagesschlafverstecke und speziell solche mit guter Verbindung zu den Jagdlebensräumen. Bestehende Quartiere müssen deshalb erhalten bleiben und ihr Raumklima muss optimiert werden. Im Umkreis von 10 km um bestehende Kolonien müssen zusätzlich weitere gift-, störungs- und zugluftfreie Dachstöcke bereitgestellt werden. Mit Fördermassnahmen muss deren Anbindung an die Jagdgebiete in den umliegenden Wäldern mit Hecken, Baumgruppen, Obstgärten und Gehölzen realisiert werden.
Sorgen wir dafür, dass ein grosses Vorhaben für die Kleine Hufeisennase Wirklichkeit wird: die Rückeroberung!

Buch über die Kleine Hufeisennase:
Bontadina, Hotz, Märki. 2006. Die Kleine Hufeisennase im Aufwind. Ursachen der Bedrohung, Lebensraumansprüche und Förderung einer Fledermausart. Haupt Verlag, Bern. 80 S. ISBN 3-258-07088-1. erhältlich im SSF-Shop.